Warum ich mit „2016“ nicht so streng sein werde

Anstatt in das Lamento über 2016 einzustimmen, feiere ich hier die 5 besten Musikalben des Jahres.

Ich könnte an dieser Stelle in das allgemeine Lamento über 2016 einstimmen oder halb ironisch anmerken, dass ich mich jetzt nicht über das Jahr beschweren werde, weil es ja gar nichts dafür könne, wenn überhaupt. Oder ich könnte gönnerhaft aufzeigen, dass es einfach menschlich sei, auf ein verstrichenes Jahr zurückzublicken. Oder behaupten, 2016 sei ja gar nicht so dramatisch gewesen, rein statistisch gesehen, in erster Linie verschiebe sich unsere Wahrnehmung der Welt, weil wir mittlerweile mehr online sind als offline. Und so weiter. Stattdessen richte ich den Blick hier lieber auf das, was unbestritten gut war an 2016: Die Musik. Meine fünf Lieblingsalben des Jahres.

Solange Knowles – A Seat at the Table. Ja, von Vergleichen mit What’s Going On oder Roots oder Innervisions sollte man die Finger lassen. Aber selten, allzu selten klingt musikalischer Protest so subtil und zauberhaft wie in diesen 52 Minuten. Solange ist müde, bitter, wütend, traurig, ihr drittes Album macht mich so süchtig, dass ich es immer wieder von vorne hören muss. Wer so leiden, singen, schreiben, spielen kann, hat sich definitiv zwei Plätze an der Ehrentafel verdient. Vielleicht bringt sie ja ihre Schwester mit, die wäre auch willkommen. (Tipps: Cranes in the Sky, Where Do We Go, Junie)

Childish Gambino – Awaken, My Love. Haben Prince und Sly Stone in den frühen Achtzigern gemeinsam einen Sohn gezeugt? Falls ja, heißt er wohl Donald Glover. Der Schauspieler, Drehbuchautor, Rapper, Komiker, Tausendsassa schüttelt mit Awaken, My Love! ein so fantastisches Funk-Album aus dem Ärmel, dass sogar die Figur auf dem seltsam schönen Cover vor Wonne die Augen verdreht. Die Überraschung des Jahres. (Tipps: Redbone, Baby Boy, Stand Tall)

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Blood Orange – Freetown Sound. “My album is for everyone told they’re not BLACK enough, too BLACK, too QUEER, not QUEER the right way, the underappreciated, it’s a CLAPBACK, sagte Dev Hynes. Und veröffentlichte dann genau das Album, das wir brauchten, ohne es vorher zu wissen. Freetown Sound klingt schräg, anspruchsvoll und leicht zugleich, das trashige Cover ist jetzt schon Kult. (Tipps: Best to You, Love Ya, Desirée)

Frank Ocean – blonde. Frank Ocean, der alte Querkopf, hat beschlossen, sein zweites Album nicht bei den Grammys einzureichen. Einerseits ist das natürlich ein politisches Statement, andererseits hat er diese Auszeichnung auch nicht nötig. Frank Ocean spielt in seiner eigenen Liga, und blonde wird zwar nicht das R&B-Album des Jahres – dafür aber das Studioalbum, das Frank Ocean 2016 veröffentlicht hat. Insofern hat er sowieso schon gewonnen. (Tipps: Pink+White, Nights, Seigfried)

Michael Kiwanuka – Love & Hate. Geheimtipp des Jahres. Michael Kiwanuka erzählt mit der Stimme eines reifen Mannes pechschwarze Geschichten von Schmerz, Sehnsucht und Verlorensein. Er webt Sounds und Referenzen ineinander, die so bisher nicht zusammengehörten, und macht daraus das Epos eines Außenseiters im Jahr 2016. Father’s Child ist das Lied des Jahres. (Tipps: Cold Little Heart, Rule the World, Father’s Child)

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2 thoughts on “Warum ich mit „2016“ nicht so streng sein werde

  1. Guter Ansatz! Allerdings gibt es auch noch Menschen, die mehr in der Realität unterwegs sind, als im Netz – dies nur mal als kleine Anmerkung… 😉 Ehrlich gesagt, haben mir ältere Alben von Ocean besser gefallen, aber das ist natürlich Geschmackssache.

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