Alice im Gauland-Land: Isn’t she lovely?

Who loves me?

I Am Not Your Negro, Raoul Pecks Dokumentarfilm über James Baldwins unvollendetes Manuskript Remember This House, montiert Momente der US-amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu einer Meditation über die Unterdrückung der Schwarzen. Zwischen all den sorgfältig arrangierten Schnipseln zitiert I Am Not Your Negro eine Filmszene, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Der Ausschnitt aus No Way Out (1950) zeigt einen Weißen, der einen Schwarzen ins Gesicht schlägt, bevor er hysterisch in sich zusammensackt: „They said it wasn’t nice to say nigger. Nigger! Nigger! Nigger! Poor little nigger kids, love the little nigger kids. Who loves me? WHO LOVES ME?“

Who loves me? Das ist exakt das Gefühl, das sich die AfD zunutze macht, um Stimmen frustrierter Wähler zu sammeln. Who loves me? Was ist mit mir? Wo bleibe ich? Wo bleibt der berühmte „einfache Mann auf der Straße“ — zwischen „Verschwulung“, „Gender-Mainstreaming“ und dem „Import fremder Völkerschaften“? Zwischen all der Political Correctness? Dieses verbreitete Gefühl ist aber nur ein Symptom tiefer liegender Probleme, für die die AfD keine Lösungen anbietet.

Der Müllhaufen der Geschichte

Nicht zufällig erinnerte mich dieser Filmausschnitt daher an einen seltsam hässlichen Augenblick aus der jüngeren Vergangenheit: Alice Weidel, eine 38-jährige Unternehmensberaterin, bewirbt sich als Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl 2017 — gleichsam als Gegenpol zu Alexander Gauland, der großen alten Dame des deutschen Nationalkonservatismus. Begleitet von frenetischem Applaus spuckt sie den AfD-Delegierten in ihrer Bewerbungsrede einen Satz entgegen, der mich nicht mehr loslässt: „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“. Hört, hört.

Was meint Frau Weidel mit diesem Satz? Wieso fasziniert dieser „Müllhaufen der Geschichte“ sie so sehr? Und warum macht gerade „politische Korrektheit“ ihr solche Angst, dieses unselige Schlagwort, das heute als ideologischer Kampfbegriff zweckentfremdet wird, wo es doch ursprünglich nur die Einigung darauf umschrieb, dass man sein Gegenüber mit einem Mindestmaß an Respekt behandeln sollte?

Ist es nicht zu schön, um wahr zu sein?

Doch Müllhaufen hin, politische Korrektheit her: Ist Alice Weidel nicht ein Glücksfall für die AfD? Als weltgewandte, liberale, lesbische Unternehmerin, die mit Zahlen kann und die Bedürfnisse junger Start-ups versteht, könnte sie die Wahlkampfwaffe sein, die die AfD aus der Tristesse ihrer Flügelkämpfe befreit und neue Wähler integriert — gleichsam als Christian Lindners rechtsliberale Gegenspielerin.

Ich rate ab von dieser Schlussfolgerung. „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte“. Sofern das überhaupt noch nötig war: Mit diesem Satz enttarnt sich Alice Weidel endgültig in all ihrer Bigotterie — einer Bigotterie, die mich wütender macht als jede Tirade von Donald Trump, wütender als Alexander Gaulands dämliche Meditation über die Einstellung der Deutschen zu schwarzen Nachbarn, wütender als B. Höckes Auftritte bei Pegida. All diese Aussagen sprechen für sich selbst.

Frau Weidels Satz hingegen klingt schizophren, wenn man ihn ins Verhältnis zu ihrer Person setzt. Ich habe dafür nur eine Erklärung: Sie ist die neue Quotenlesbe der AfD, die sie wiederum freudig als Feigenblatt instrumentalisiert. „Schaut her, wir haben jetzt sogar eine Lesbe an der Spitze! So schlimm können wir doch gar nicht sein. Wir wollen doch nur das Beste für Euch.“ Glauben Weidel und die AfD allen Ernstes, mit derart billigen Tricks von dem Hass, der Inhaltsleere und der mangelnden Konsistenz ihres Wahlprogramms ablenken zu können?

Was treibt Sie an, Frau Weidel?

Ist es Selbsthass? Sind Sie mit ihrer Identität so sehr im Unreinen, dass Sie Ihr Gesicht für eine homophobe Partei hinhalten müssen, um zu den Starken zu gehören? Ist es Geschichtsvergessenheit? Übersehen Sie, dass sich der pauschale Hass gegen Muslime, den Teile der AfD propagieren, nicht wesentlich von dem Hass unterscheidet, den viele Minderheiten in der Vergangenheit ertragen mussten, unter anderem Homosexuelle? Ist es pure Machtgier? Sind es vielleicht gar nicht die politischen Inhalte der AfD, die Sie reizen, sondern einfach nur die Möglichkeit, Macht auszuüben?

Oder ist es schlicht und ergreifend Dummheit?

Finde gefälligst Deine eigene Antwort

Heute Nacht hatte ich einen so verwirrenden wie aufschlussreichen Traum.

Jemand fragte mich: Mark, JA oder NEIN?

Ich sagte: Ja.

Er sagte: Falsch.

Ich sagte: Nein?

Er sagte: Falsch. Finde gefälligst Deine eigene Antwort.

Und verschwand im Dunkeln.

A short meditation on decision-making

Tonight I had a dream that was as confusing as it was revealing.

Someone asked me: Mark, YES or NO?

I said: Yes.

He said: Wrong.

I said: No?

He said: Wrong. Go and find your own answer.

And he disappeared into the dark.

Warum ich mit „2016“ nicht so streng sein werde

Anstatt in das Lamento über 2016 einzustimmen, feiere ich hier die 5 besten Musikalben des Jahres.

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Why I won’t be so hard on „2016“

Instead of complaining about 2016, I will celebrate the five best albums of the year.

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„Et hätt noch emmer joot jejange“: Von schwarzen Schafen und schwarzen Schwänen

Dass die USA bis 2021 von einem schwarzen Schaf regiert werden, ist nicht die schlimmste Nachricht des Jahres. Dramatischer erscheint mir, dass sich schon vor Monaten eine alte Erkenntnis bitter bestätigt hat: Uns fehlt der Respekt vor schwarzen Schwänen.
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Eine Stimme, die Leben retten könnte: Maxwell in der Frankfurter Jahrhunderthalle

Überlebensgroß flimmern Martin Luther King, Cassius Clay und Prince über den Bildschirm im Hintergrund, die halbe schwarze Geschichte begleitet Maxwell am 15. Oktober 2016 in die Jahrhunderthalle. „Eine Stimme, die Leben retten könnte: Maxwell in der Frankfurter Jahrhunderthalle“ weiterlesen

Minority vs. minority or: The story of my family

It wasn’t easy for my German grandparents to get married. He was a Catholic, she was a Protestant. Seventy years ago this was a real problem, and his family didn’t approve.

My father was from Ghana, and my mother is from a small Bavarian town. She is white, he was black. Thirty years ago this was still a major problem. After my German grandfather had learned about their relationship he did not talk one single word to my mother — until the day he died. He has never seen his grandson. „Minority vs. minority or: The story of my family“ weiterlesen

Minderheit gegen Minderheit oder: Die Geschichte meiner Familie

„Damals waren es die Juden.
Heute sind es dort die Schwarzen, hier die Studenten.
Morgen werden es vielleicht die Weißen, die Christen oder die Beamten sein.“
(Hans Peter Richter, 1961)

Meine deutschen Großeltern hatten es nicht leicht zu heiraten. Er war katholisch, sie evangelisch. Vor siebzig Jahren war das ein echtes Problem, seine Familie kam damit nicht zurecht. „Minderheit gegen Minderheit oder: Die Geschichte meiner Familie“ weiterlesen

Der 5-Stunden-Tag ist nicht die Lösung — aber ein guter Denkanstoß

Der Fünf-Stunden-Arbeitstag — ist das die Zukunft oder eine Illusion? Stephan Aarstol, CEO von Tower Paddle Boards, hat ihn eingeführt, und die Ergebnisse können sich sehen lassen: Schon im folgenden Jahr stieg der Umsatz um 40 Prozent, seine Mitarbeiter verdienen pro Stunde fast doppelt so viel wie vorher, obwohl sie Tag für Tag nur noch von 8 bis 13 Uhr arbeiten. Was lernen wir daraus? „Der 5-Stunden-Tag ist nicht die Lösung — aber ein guter Denkanstoß“ weiterlesen