„Et hätt noch emmer joot jejange“: Von schwarzen Schafen und schwarzen Schwänen

Dass die USA bis 2021 von einem schwarzen Schaf regiert werden, ist nicht die schlimmste Nachricht des Jahres. Dramatischer erscheint mir, dass sich schon vor Monaten eine alte Erkenntnis bitter bestätigt hat: Uns fehlt der Respekt vor schwarzen Schwänen.

“The inability to predict outliers implies the inability to predict the course of history” (Nassim Nicholas Taleb)

Als sich zwischen Novembergrau und Nineoneone herausstellte, dass Donald Trump ab Januar das Weiße Haus besetzen wird, ließ das Heulen und Zähneklappern nicht auf sich warten. Schock! Erdbeben! Weltende! greinten Politiker, Meinungsforscher und Journalisten, für die Clintons Wahlsieg Stunden zuvor noch eine todsichere Sache gewesen war. In der Kabine, dachten sie wohl, würden selbst Wutbürger oder Minderbemittelte schon zur Vernunft kommen. Sie lagen nicht daneben. Sie lagen falsch.

“The problem with experts is that they do not know what they do not know” (Nassim Nicholas Taleb)

Noch vor zehn Jahren galten selbst Abweichungen von zwei oder drei Prozentpunkten als Desaster für Demoskopen. Heute sind sogar zehn Prozentpunkte nichts Besonderes mehr. Keiner hat vorhergesehen, dass Norbert Hofer in der ersten Runde der österreichischen Bundespräsidentenwahl die mit Abstand meisten Stimmen bekommen würde; niemand hat ernsthaft angenommen, die Mehrheit der Briten würde für den Brexit stimmen; und genauso wenig hat jemand an Trumps Wahlsieg geglaubt — mit Ausnahme des großartigen Michael Moore, eines verrückten schwarzen Schwans, den es leider nur einmal auf der Welt gibt.

Willkommen im Zeitalter der Filterblase

Diese demoskopischen Totalausfälle erscheinen in unserer datenbesessenen Gegenwart surreal. Außer die Meinungsforscher und ihre Auftraggeber müssten sie allerdings niemanden weiter stören; sind sie doch nur Auswüchse einer oft hektischen Mikro-Berichterstattung, die sich nicht mit Großbränden beschäftigt, sondern mit politischem Klein-Klein, dessen Rauch sich schon am nächsten Tag wieder in wohlgefälliges Nichts aufgelöst hat.

Bedenklicher ist, dass wir uns offenbar alle in falscher Sicherheit wiegen. Die beunruhigende Nachricht war doch, dass es überhaupt einen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump gab und dass er von Anfang an eine echte Chance hatte — obwohl das vor einem Jahr nur offensichtlich Schwachsinnige laut ausgesprochen hätten. Dass er nun Präsident wird, ist nur die Sahnehaube. Doch wir leben im Zeitalter der Filterblase. Wir hören, lesen und glauben nur das, was uns gefällt. Bar jeder Empathie „entfreunden“ wir Andersdenkende, weil sie „linksgrün-versifft“ sind oder „Nazis“ — und weil sie unser Wunschbild der Welt nicht bestätigen. Diese heroische Tat verkünden wir dann klopfenden Herzens via Facebook.

Darüber verpassen wir es, uns mit politischen Ansichten auseinanderzusetzen, die ernsthaft von unseren abweichen. In einer obszönen Mischung aus Ignoranz und Arroganz bilden wir uns ein, die Vergangenheit nahtlos fortschreiben zu können. Wir halten Frieden und Demokratie für selbstverständlich, obwohl beides nicht mehr ist als eine Anomalie der Menschheitsgeschichte. Und wir lachen die aus, die eine Bundeskanzlerin Frauke Petry für möglich halten.

Unfälle für die Fußnoten der Geschichte

Im November 1972, als die Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik Deutschland bei sagenhaften 91 Prozent lag, gab es drei Parteien. Mehr als neun von zehn Wählern kreuzten SPD, CDU oder CSU an, der Rest votierte nahezu ohne Ausnahme für die FDP. Wer hätte sich damals vorstellen können, die SPD werde einmal um die 20%-Marke bangen, es würden sich Parteien wie die Linke oder die Grünen etablieren, ganz zu schweigen von einer AfD? Wer hätte geglaubt, die CDU könne in ihrem Stammland im Südwesten Juniorpartnerin einer halblinken Partei werden, die noch gar nicht gegründet war? Und wer hätte die FDP für die nächste Szene aus dem Drehbuch gestrichen? (Ich wähle hier bewusst ein langweiliges Beispiel.)

Und trotzdem — obwohl wir wissen müssten, dass wir nichts über die Zukunft wissen — relativieren wir selbst Katastrophen wie die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt oder Meck-Pomm. Nur weil 25 Prozent rechts gewählt haben, so der Tenor, geht ja die Welt nicht unter. Dahinter steckt der Irrglaube, es handele sich um einen Unfall, der schon in wenigen Jahren in die Fußnoten der Geschichte verbannt werden könne.

Wir wissen nichts

Doch es wird immer wahrscheinlicher, dass sich 25 Prozent im Handumdrehen in 52 Prozent verwandeln oder 15 in 51 Prozent. Stabilität ist eine Illusion. Der libanesische Philosoph Nassim Nicholas Taleb hat diese These schon 2007 mit seiner Theorie der „Schwarzen Schwäne“ erklärt — und sie scheint mir auf gesellschaftliche Entwicklungen fast noch besser zu passen als auf die Wahrscheinlichkeit einer Finanzkrise.

“I know that history is going to be dominated by an improbable event, I just don’t know what that event will be.” (Nassim Nicholas Taleb)

Wer zur Ruhe mahnt, hat mein Wohlwollen — und die Fußnoten-Theorie könnte Realität werden. Denkbar ist aber auch das Gegenteil: Donald Trump bleibt bis 2025 Präsident und zertrümmert die Weltordnung, Frauke Petry oder ihr/e Nachfolger/in regiert Deutschland ab 2021 gemeinsam mit Sarah Wagenknecht in die Autokratie, Europa zerfällt in seine Einzelteile. Wer an dieser Stelle den Kopf schüttelt oder mit der Zunge schnalzt (ich kann selbst kaum an mich halten), steige von seinem Ross herab und denke darüber nach, was er noch vor zwölf Monaten über Trumps Wahlchancen vom Stapel gelassen hat.

Lasst uns aufwachen und erwachsen werden. Wir wissen nichts, und nur wenn wir das anerkennen, haben wir den Hauch einer Chance.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s