Eine Stimme, die Leben retten könnte: Maxwell in der Frankfurter Jahrhunderthalle

Überlebensgroß flimmern Martin Luther King, Cassius Clay und Prince über den Bildschirm im Hintergrund, die halbe schwarze Geschichte begleitet Maxwell am 15. Oktober 2016 in die Jahrhunderthalle. Er selbst, der sich vorn auf der Bühnenkante die Seele aus dem Leib singt, scheint mit seiner Musik aber keine Politik machen zu wollen. Auf die Bühne kommt er erst um zehn — als die großartige Mary J. Blige, seine Komplizin auf der King & Queen of Hearts-Tour, längst wieder verschwunden ist.

Der Feel-Good-Manager

Mit luxuriösen Arrangements und seinem wachsweichen Falsett war Maxwell von Anfang an der Feel-Good-Manager der schwarzen Musik. Schon als er sich 1996 mit Maxwell’s Urban Hang Suite aus dem Nichts an die Spitze der Neo-Soul-Bewegung setzte, verweigerte er sich politischen Botschaften. Power to the people? Stand up for your rights? I’m black and I’m proud? Nix da: Suite Lady. If it’s cool, we can do a little sumthin’ sumthin’. There won’t be no stoppin’ me… …til the cops come knockin’. Elegante, subtile, gefällige Musik für Bett und Boudoir, in der Tradition von Marvin Gaye oder Teddy Pendergrass. Romantik und Rotwein statt Schnäpse im Club, R&Bed statt R&B.

Für sein zweites Album Embrya webte er einen samtseidenen Klangteppich aus Wah-Wah-Gitarren, Rhodes, Streichern, der auch im Spa gut ankommt, böse Zungen würden von Fahrstuhlmusik sprechen. Nach dem kantigeren Now (2001) ließ Maxwell acht Jahre keinen Ton von sich hören, bis er 2009 mit BLACKsummers’night den ersten Teil einer Trilogie veröffentlichte, die angeblich bis 2011 komplett sein sollte. Stattdessen ließ er sieben Jahre verstreichen: Erst im Juli 2016 kam mit BlackSUMMERS’night der zweite Streich, der seinem Vorgänger in nichts nachsteht.

‚How are you beautiful Frankfurtians tonight?‘

Maxwell braucht Zeit für seine Musik, und er weiß, dass er seine Fans mit diesen Pausen quält. Gleich nach dem Intro seines Konzerts in der Jahrhunderthalle tritt er die Flucht nach vorne an, nur vom Klavier unterstützt: How are you beautiful, beautiful Frankfurtians tonight? I know you’re wondering why it takes so long. Every single day I’m away I think about the day when I will come back… Und geht über zu einer überraschenden Piano-Version von Love You.

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Das Konzert rast wie ein wunderschöner Traum vorüber. Mit seiner Speech über unconditional love hat Maxwell das Publikum längst restlos begeistert, da legt er gleich nach, verschwindet im Dunkeln und lässt Kate Bushs Live-Version ihres Songs This Woman’s Work einspielen. Jeder Maxwell-Fan erkennt das Lied am ersten Ton, er hat es schon 1997 auf seiner MTV Unplugged gecovert. Als er schließlich zurückkehrt und selbst loslegt, klingt er wie eine Erscheinung. Es ist ein Konzertmoment, den man nicht mehr vergisst. Wie kann ein Mann nur so göttlich singen?

Eine Stimme, die Leben retten könnte

Maxwell legt keinen Wert darauf, sein komplettes Repertoire vorzuführen — anders als zuvor Mary J. Blige, die in ihrem Teil des Konzerts kaum einen ihrer Klassiker auslassen wollte. Viele Maxwell-Favorites (Get To Know Ya, Pretty Wings), auf die man sich gefreut hatte, fehlen komplett. Das stört aber nicht.

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Mit seiner Stimme könnte Maxwell Leben retten — im Falsett klingt sie glockenklar, biegsam, weich wie Seide, in der Bruststimme rau, kräftig und voller Soul, und zwischen beidem wechselt er spielend hin und her. Er zelebriert seine Songs, groovt im perfekt sitzenden Anzug über die abgeschrägte Bühne, flirtet mit dem Publikum, zieht das Sakko aus, krempelt die Hemdsärmel hoch.

Hoffentlich nicht wieder für sieben Jahre

Nach der Falsett-getränkten Bridge seiner Single Lake By The Ocean shakt er wie ein Wahnsinniger zu einem Drum-Solo, wirft seine Weste von sich. Bei seinem Klassiker Sumthin’ Sumthin’ badet er kurz in der Menge, wandelt eine Zeile ab in I wanna lose myself in Germany. Die Ballade Ascension wird kurzerhand zur Uptempo-Nummer umfunktioniert, mit Bass-Solo, Drum-Solo, Breakbeats, während Maxwell vorne auf der Bühne tanzt und hinten auf dem Bildschirm durch Brooklyn radelt.

Überhaupt ist seine Band grandios. Bei Fingers Crossed vom neuen Album blitzen Saxofon und Trompete um die Wette, in Lifetime lässt der Keyboarder ein grandioses Synthesizer-Solo hören. Am Schluss verbeugen sich alle wie nach der Oper. Der Vorhang fällt, und Max from Brooklyn, New York ist weg — hoffentlich nicht wieder für sieben Jahre.

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