Warum das bedingungslose Grundeinkommen eine liberale Vision ist

Unser Arbeitsbegriff ist von vorgestern, der Kapitalismus steckt in der Krise, die Demokratie ist in Gefahr. Die Ursache: Arbeit und Existenzsicherung sind nach wie vor untrennbar miteinander verbunden. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte den Begriff der Arbeit neu definieren, Neid, Existenzangst und Lobbyismus ausschalten und den Grundstein für einen modernen Liberalismus legen. Trotzdem wird es immer noch als unfinanzierbare Utopie hoffnungsloser Idealisten belächelt. Warum eigentlich?

Fast jeden Sonntag bekomme ich eine Botschaft des Online-Versandhandels Asos, per Mail oder Push-Nachricht: Es ist Zeit, Geld auszugeben! Heute singst Du den Sonntagsblues, morgen ist Montag, dann vergehen fünf lange Tage bis zum nächsten Wochenende. Belohn Dich! Tu Dir was Gutes, Du hast es Dir verdient: Immerhin arbeitest Du hart, zahlst Steuern und Deine Rechnungen, sorgst für Deine Lieben.

Selbstverständlich ist überhaupt nichts dagegen einzuwenden, Geld für schöne Dinge auszugeben. Aber in mir erhärtet sich ein deprimierender Verdacht: Unsere gesamte Gesellschaft funktioniert nach diesem Prinzip. Wir arbeiten in erster Linie, um zu überleben und zu konsumieren. Ist das nicht pervers? Sollten wir mit unserer Arbeit nicht auch etwas Sinnvolles bewirken? Müssen wir unsere Lebenszeit nicht bewusster nutzen?

Produzieren statt kompensumieren

Viele Menschen arbeiten nicht, sie verrichten einen Job. Sie haben gelernt, ihr Bedürfnis nach Selbstverwirklichung zu ignorieren, ihre Selbstbestimmung aufzugeben, ihren Kopf auszuschalten und zu funktionieren wie ein Roboter. Doch auf Dauer ist es ein Vabanquespiel, einen Job nur zu machen, um zu überleben, für morgen zu sparen oder zu kompensumieren, also die Folgen einer ungeliebten Arbeit über Konsum in der Freizeit zu kompensieren. Am Ende unseres Lebens oder in der Midlife Crisis blicken wir zurück und erkennen, dass wir einer Illusion aufgesessen sind — denn das verheißungsvolle Morgen, von dem wir geträumt haben, kam nie. Der Plan, heute zu arbeiten, um morgen zu leben, ist nicht aufgegangen. Wir schauen in Reue zurück, die Zeit lässt sich nicht zurückholen, das Geld hat sich nicht in Glück verwandelt. Ähnlich unsinnig ist die Idee einer „Work-Life-Balance“. Arbeit ist ein Teil des Lebens, wieso sollte man sie also gegen das „Leben“ oder die Freizeit aufwiegen? Gute Arbeit macht Spaß, weil sie einen tieferen Sinn hat — auch wenn es mal ungemütlich wird.

Wir alle sollten erkennen, dass wir unsere Arbeit selbst gestalten müssen, wie Catharina Bruns in ihrem lesenswerten Plädoyer workisnotajob schreibt. Aber wie geht das? Was ist unsere Arbeit? Eine Flut schlauer Ratgeber versucht sich an der Antwort auf diese Frage. Viele davon sind nutzlos. Um unsere Arbeit zu finden, müssen wir uns selbst hinterfragen und Dinge ausprobieren. Wir müssen uns fragen, was wir der Welt geben können anstatt zu fragen, warum das Leben uns nicht mehr gibt. Wir müssen selbst produzieren statt nur zu konsumieren, selbst Lösungen entwickeln anstatt sie nur einzukaufen. Nur eine Arbeit, in der wir möglichst viel von uns selbst geben können, stiftet auf Dauer Sinn für uns und Nutzen für die Gesellschaft.

Arbeit und Broterwerb dürfen keine Synonyme sein

Die Chancen auf eine solche Arbeit standen für den Einzelnen nie so gut wie heute. Viele Menschen tun sie bereits Tag für Tag. Und doch klagt ein großer Teil der Beschäftigten über böse Chefs, nervige Kollegen, schlimme Kunden, lange Arbeitszeiten, sinnlose Aufgaben, Stress und Dauerbelastung. Viele haben innerlich gekündigt, brennen aus, werden krank. Manche entwickeln Fluchtfantasien, die in der Realität selten funktionieren: Nicht jeder sollte mit Anfang vierzig alles hinschmeißen, eine Surfschule eröffnen oder veganen Schmuck produzieren. Mal abgesehen davon, dass kein Job der Welt rund um die Uhr Spaß macht: Warum ändern so wenige Menschen etwas an ihrer Situation — ob in ihrem bestehenden oder einem neuen Job?

Die Antwort lautet oft: Existenzangst, ob berechtigt oder nicht. Viele Menschen würden ihre Existenz nicht verlieren, wenn sie vorübergehend mit weniger Geld auskommen müssten. Dafür würden sie wertvolle Erfahrungen machen, vielleicht etwas Großes erschaffen — und auf Dauer deutlich womöglich deutlich mehr verdienen. Und trotzdem haben viele Unzufriedene zumindest das Gefühl, nichts an ihrer beruflichen Situation ändern zu können: Wie sieht das denn im Lebenslauf aus? Real wird diese Existenzangst spätestens dann, wenn wir für Partner, Kinder oder Eltern sorgen müssen. Diese Angst hält uns davon ab, uns regelmäßig zu hinterfragen und bei Bedarf Konsequenzen zu ziehen.

Genau hier liegt das Problem unseres Verständnisses von Arbeit: Wir müssen arbeiten, um unsere Grundbedürfnisse zu decken. Arbeit und Existenzsicherung fallen zusammen.„Wir wollen möglichst viele Menschen in Arbeit bringen“, fordern alle politischen Parteien seit Jahrzehnten. Aber ist es wirklich erstrebenswert, möglichst viele Menschen „in Arbeit“ zu bringen, ohne auch die Qualität der Arbeit zu berücksichtigen? Gibt es keine Alternative zum Postulat der Vollbeschäftigung?

Der Kapitalismus steckt in einer Reputationskrise

Die westliche Welt erwirtschaftet beachtlichen Wohlstand. Gerade Deutschland geht es oberflächlich betrachtet besser als je zuvor. Wir gelten als Europas Wachstumslokomotive, fast alle Menschen sind „in Arbeit“ und wir zelebrieren auf Kosten anderer Staaten die hinterfragenswerte Religion Schwarze Null. Fast niemand muss Hunger leiden, nahezu jeder hat ein Dach über dem Kopf. Doch kommt es nicht vor allem auf die (gefühlte) Verteilungsgerechtigkeit an?

Angesichts der schlechten Verteilung unseres Wohlstands steckt der Kapitalismus in einer Reputationskrise, die auf Dauer unser demokratisches System gefährden könnte: Viele Menschen fühlen sich zu Recht abgehängt. Ziel ihres Sozialneids sind Flüchtlinge, Immigranten, Minderheiten, „Gender-Wahnsinnige“, „linksgrün versiffte Gutmenschen“. Sie fallen auf Populisten herein, die radikale Lösungen für den „einfachen Mann auf der Straße“ versprechen, demokratische Prinzipien aber nicht allzu ernst nehmen. Über AfD und Pegida schleicht sich antidemokratisches Gedankengut in die politische Debatte ein. Warum sieht die politische Mitte hier hilflos zu, statt eine Lösung zu präsentieren? Und wo bleibt der moderne Liberalismus, der Kapitalismus und Demokratie über das 21. Jahrhundert hinwegrettet?

Staatliche Verteilungspolitik ist ineffizient und ineffektiv

In der Vergangenheit hat sich der Staat als ineffizienter und ineffektiver Regulator der Märkte erwiesen. Das über Jahrzehnte gewachsene Chaos aus staatlichen Transfers, Steuergesetzen und Anreizen ist ineffizient, da mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden. Und es ist ineffektiv und interessengeleitet.

Wie sonst lassen sich staatliche Eingriffe wie die Kaufprämie für Elektroautos oder die „Rettung“ der HRE erklären? Was ist von willkürlichen Instrumenten wie dem Mindestlohn zu halten? Wem nützt Hartz IV wirklich? Warum erzielt wertvolle Arbeit wie Kindererziehung oder Altenpflege einen lächerlich niedrigen oder gar keinen Preis — obwohl das der Kitt ist, der unsere Gesellschaft zusammenhält?

Nahezu alle politischen Reformen der vergangenen Jahre beschränken sich auf kosmetische Korrekturen eines maroden Systems, die zudem zu Lasten unserer Freiheit gehen. Die Arbeitslosigkeit ist zu hoch? Streicht die Stütze zusammen, dann gehen auch die Faulen wieder arbeiten! Die Rente ist doch nicht mehr so sicher? Arbeitet bis 70 und sorgt privat vor!

Existenzangst: Eine Wettbewerbsverzerrung, die wir beheben müssen

Ein Zwischenfazit: Wenn wir unsere Stärken unseren Interessen gemäß einsetzen, führen wir einerseits ein besseres Leben und mehren andererseits den gesamtwirtschaftlichen Wohlstand. Doch sorgenfrei ausprobieren können wir nur, wenn wir keine Angst mehr vor dem Verlust unserer Existenz haben müssen. Existenzangst (berechtigt oder nicht) verzerrt die Preise für Arbeit nach unten und nährt sozialen Unfrieden. Und der Staat kann diese Wettbewerbsverzerrung im Status Quo weder effektiv noch effizient beheben.

Warum befreien wir die Arbeitsmärkte nicht von dieser Wettbewerbsverzerrung namens Existenzangst? Warum befreien wir uns nicht vom Dickicht staatlicher Eingriffe und führen stattdessen ein Grundeinkommen von z. B. 1.000 Euro pro Monat ein, das jedem volljährigen deutschen Bürger bedingungslos zusteht und gerade ausreicht, um seine Grundbedürfnisse (Essen, Dach über dem Kopf, soziale Absicherung) zu decken (Kinder und Jugendliche erhielten einen reduzierten Satz)? Ich wundere mich, dass gerade sozialdemokratische und liberale Parteien ein solches Grundeinkommen offenbar nicht einmal in Erwägung ziehen. Doch: Ich weiß, warum! Denn an dieser Stelle kommen die üblichen Einwände, die sich leicht widerlegen lassen:

  • Wer würde noch arbeiten, wenn er jeden Monat Geld vom Staat geschenkt bekäme? Gegenfrage: Wer würde dann nicht mehr arbeiten? Menschen brauchen eine Aufgabe. Die meisten würden selbst im Fall eines Lottogewinns noch arbeiten. Und fast niemand würde sich mit einer Basisabsicherung zufrieden geben, die gerade das nackte Überleben sichert. Ganz im Gegenteil: Ich behaupte, dass der Wettbewerb auf den Arbeitsmärkten sogar zunehmen würde — mit der Konsequenz, dass kreative, wertvolle Arbeit an Bedeutung gewinnt.
  • Wer macht denn dann die Drecksarbeit? Welches Menschenbild steckt hinter dieser Frage? Wir müssen arme Menschen versklaven, um unseren Müll abzutransportieren? Der Lohn für Jobs, die „keiner“ machen will, würde neu verhandelt. Denn wer will zum Beispiel auf saubere Straßen verzichten? „Drecksarbeit“ würde über kurz oder lang häufiger von Robotern erledigt — was wir heute scheuen, weil wir ja alle „in Arbeit“ bringen wollen. Die Digitalisierung würde viel schneller voranschreiten, wenn wir nicht mehr an Arbeitsplätzen festhalten müssten, die Maschinen effizienter erledigen können. Für menschliche Arbeit, die Mut, Kreativität und soziales Gespür erfordert, würde das neuen Raum schaffen.
  • Haben wir mit Hartz IV nicht bereits ein bedingungsloses Grundeinkommen? Nein. Erstens wage ich zu bezweifeln, dass der bisherige Satz tatsächlich für die Sicherung der Grundbedürfnisse ausreicht, zumal Transfers wie Kinder- oder Wohngeld noch hinzukommen. Zweitens wird Hartz IV nicht bedingungslos gewährt, ist an Bedürftigkeitsprüfungen und sonstige Auflagen geknüpft. Das war ja die Idee dieser Reform: Wir müssen die Leute wieder zur Arbeit zwingen.
  • Wer soll das denn bezahlen? Diese Frage kommt meist dann, wenn alle anderen Einwände widerlegt werden konnten. Ich bin der Überzeugung: Eine Idee, die politisch gewollt ist, lässt sich auch finanzieren. Dafür gibt es eine Reihe verschiedener Modelle.

Das bedingungslose Grundeinkommen: Vision einer liberalen Welt

Die Vision des bedingungslosen Grundeinkommens ist zugleich die Vision einer liberalen Welt, in der die Freiheit des Einzelnen der wichtigste gemeinsame Wert ist, was aber keinesfalls im Gegensatz zur Solidargemeinschaft steht, wie wir sie kennen. Sie ist die Vision einer Welt, in der wir jedem zutrauen, seinen individuellen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, um so insgesamt mehr Wohlstand zu erwirtschaften. Sie ist die Vision einer Welt, in der Arbeit kein Job ist, sondern eine Aufgabe; in der sozialer Friede herrscht, in der Einkommen durch einen effizienten Marktmechanismus gerechter verteilt werden und wir keine Angst mehr vor technologischem Fortschritt haben. Und sie ist die Vision einer Welt, die anerkennt, dass Zwang Kreativität tötet, Freiheit sie aber fördert.

Zum Glück kämpft eine Reihe kluger Köpfe unermüdlich für diese Idee, die viele nach dem Scheitern eines Schweizer Referendums im Juni 2016 am liebsten ad acta legen wollen: In Berlin zeigt die Initiative Mein Grundeinkommen von Michael Bohmeyer bereits erste Erfolge. Via Crowdfunding ermöglicht Bohmeyer in unregelmäßigen Abständen die Verlosung für ein Jahr 1.000 Euro monatlichen Grundeinkommens. Daniel Häni und Philip Kovce, die Initiatoren der Schweizer Initiative für ein Grundeinkommen, spiegeln die Diskussion in ihrem Buch „Was fehlt, wenn alles da ist?: Warum das bedingungslose Grundeinkommen die richtigen Fragen stellt“. Auch der dm-Gründer Götz Werner gehört zu den Verfechtern des Modells.

Die Zeit ist reif für ein bedingungsloses Grundeinkommen und einen modernen Liberalismus. Besucht doch mal Mein Grundeinkommen und macht Euch schlau. Und übrigens freue ich mich über jede Diskussion zu diesem spannenden Thema.

6 thoughts on “Warum das bedingungslose Grundeinkommen eine liberale Vision ist

  1. Nur eigene Argumente darzustellen ohne mit Gegenargumente(eben Kritik innerhalb von Linken) anzulegen macht den Text ziemlich einseitig und naiv finde ich zumindest. Alle andere Meinungen als Sozialneid oder Verharmlosung wegzuwerfen ist genau das. was als „gutmensch“ von Rechten verteufelt ist. Um so mehr werde ich misstrauischer was Befürworter_inen von der bedingungslosen Grundeinkommen sagen.

    Antwort des Autors: Es handelt sich um ein Plädoyer, einen Meinungsbeitrag. Ich greife im Text Argumente gegen das BGE auf und widerlege sie mit Gegenargumenten.

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  2. Moin,

    sehr interessante Gedanken von Dir dazu. Auch wenn der Text mir zu sehr links gerichtet ist und zu trocken geschrieben ist. Ich finde ihn trotzdem höchst interessant. Letztendlich bin ich aber auch der Meinung, dass das BGE nur ein Zwischenschritt zu einer Welt ganz ohne Geld ist.

    Im Übrigen bin ich diesen Gedanken vorletzten Freitag schon in meinem Blog nachgegangen. Darin stellt ich auch klipp und klar fest, dass es jetzt endlich an der Zeit ist, neue Wege mit dem BGE oder einer Welt ohne Geld zu gehen:http://www.tom-bloggt-seinen-alltag.de/2016/08/19/freitagsgedanken-es-ist-an-der-zeit-neue-wege-zu-gehen-follow-me/

    Viele Grüsse und ein schönes Wochenende

    Gruss Tom

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