Michael Kiwanuka: Love & Hate in der Frankfurter Batschkapp

Dieser Sommer beschert uns viele großartige Soulalben, auch wenn Frank Ocean weiterhin auf sich warten lässt. Besonders beeindruckend ist Michael Kiwanukas psychedelische zweite Platte Love & Hate, ein Reigen vertonter Fieberträume. Doch wie klingt sie live?

Was tun, wenn Frank Ocean sein Album nicht veröffentlicht?

Während wir also zähneknirschend weiter auf Frank Oceans zweites Album Boys Don’t Cry warten, wird uns nicht langweilig. Der Sommer 2016 hält eine Menge fantastischer Musik für Soulfans bereit. Maxwells ebenfalls langersehntes fünftes Album blackSUMMERS’night ist wie erwartet exzellent. Das britische Duo HONNE hat seine Songs auf Warm On A Cold Night in ein nicht bahnbrechendes, aber sehr smoothes Album sommerlicher Soulpop-Hymnen gegossen. Und dann ist da noch NAO, deren erste Platte For All We Know wie ein Rendezvous zwischen 1996 und 2016 klingt und uns mit Adore You eines der bezauberndsten Liebeslieder schenkt, das ich kenne. Auch Blood Orange oder Gregory Porter verheißen Großartiges mit ihren Alben.

Der neue König des introvertierten Soul

Wer mich mit seinem neuen Album aber richtig vom Hocker gehauen hat, ist Michael Kiwanuka, seines Zeichens neuer König des introvertierten Soul. Love & Hate, erschienen  am 15. Juli, löst trotz des generischen Titels alle Versprechen ein, die uns Kiwanuka 2012 mit seinem ersten Album Home Again gegeben hat. Nicht umsonst vergibt Metacritic, das Kritiken verschiedener Publikationen zu einem Score aggregiert, 86 von 100 Punkten.

Kiwanuka macht nicht viel Aufhebens um seine Person, und genau das lieben wir an ihm. Auf Love & Hate erzählt er pechschwarze Geschichten von Schmerz, Sehnsucht und Verlorensein. Er hat sich Zeit genommen für dieses Epos, es ist ihm nicht leicht gefallen, das hört man in jeder Note. Wir versinken in einer introvertierten, psychedelischen Platte, die auf fast alles referenziert, was wir an den 1960er und 1970er Jahren lieben, und doch so nur von Kiwanuka stammen kann. Bei jedem anderen fiele das Schimpfwort „überproduziert“: Love & Hate zitiert kitschige Spaghetti-Western-Soundtracks und Pink-Floyd-Gitarren (Cold Little Heart), inszeniert Befreiungs-Soul (Black Man In A White World), klaut unverschämt bei Marvin Gaye und Ann Peebles (Love & Hate), kupfert ab vom 60s Sound einer Amy Winehouse (One More Night). Das klingt in dieser Aufzählung nach Abklatsch — und doch ist das Album nicht nur handwerklich überragend, sondern vor allem unverwechselbar Michael Kiwanuka.

Paranoia, Gospel und Kiwanukas Story

Love & Hate ist erfrischend unvorhersehbar, kein Track endet, wie er angefangen hat. Father’s Child beginnt als zartes kleines Liedchen, das nur von klackenden Drums, Bass und hingetupften Piano-Akkorden getragen wird. Doch dann: Eine klagende und eine swingende Gitarre, singende und tanzende Streicher und die psychedelischen „Walk“-Schreie aus Isaac Hayes’ Klassiker Walk On By von 1969. Im Hintergrund dröhnt Kiwanuka wie ein Echo aus dem Vocoder. Nach 3 Minuten 20, wir sind gerade bei der Hälfte des Liedes, eine dramatische Wendung, Frauen wehklagen, das Piano meldet sich zurück, die Gitarre zittert, anschließend verklingt die tieftraurige Melodie minutenlang ins Nichts. Noch besser: Rule The World, das ähnlich harmlos startet, später aber in ein herrliches Gospel-Drama ausartet. Help Me, ruft Kiwanuka immer wieder, flankiert von Stimmen aus dem Off. Es berührt, klingt nach Paranoia und Fiebertraum, macht traurig und glücklich zugleich. Auf diesem fantastischen Album gießt Michael Kiwanuka seine Seele in Musik. Substance over form, sagt man manchmal. Kiwanuka muss hier gar nicht abwägen. Er beherrscht beides. Und wir sind überwältigt.

Ode an die Gitarre – und an den Weltschmerz

Bei all den Produktionstricks im Studio fragt man sich, wie Kiwanuka und Love & Hate eigentlich live klingen. Wie gut, dass er am 9. August in der altehrwürdigen Frankfurter  Batschkapp spielt, die 2016 vierzig Jahre alt wird. Seine Vorhut bildet Casey Keth, ein Frankfurter Singer-Songwriter mit Klampfe und Soulstimme. Er ist sympathisch, kann singen, improvisieren, lobt fortlaufend das Publikum und kommentiert jeden einzelnen seiner Songs. Man hat schon schlechtere Vor-Acts gesehen.

Und Michael Kiwanuka? Er lässt ein bisschen auf sich warten, wird feierlich angekündigt von dem langen Intro aus Cold Little Heart. Sein Keyboarder schlägt minutenlang melancholische Akkorde auf der Orgel, bevor Michael (endlich!) auf die Bühne schleicht, sich die Gitarre über die Schulter hängt und die Pink-Floyd-Melodie dahin zaubert, die wir schon leise dazu gesummt haben. Michael ist so unprätentiös und scheu, wie wir ihn aus Interviews kennen: Weißes Shirt, graue Hose, braune Jacke, einen Afro, wie ich ihn selbst einmal hatte. Er verliert kaum Worte, nimmt dafür sein Set sehr ernst, spielt Gitarre wie ein junger Gott und singt sich die Seele aus dem Leib. Nach One More Night feiert er gemeinsam mit der Band Tell Me A Tale, seine Ode vom ersten Album, sicher acht Minuten lang. Gitarren-Soli, Congas, der Song funktioniert auch ohne die Flöten auf der Platte. Danach ist er selbst verschwitzt, muss die Jacke ausziehen. Für eine Verschnaufpause bleibt wenig Zeit: Black Man In A White World kommt mit ordentlich Tempo, in martialischem Rhythmus. It’s alright, singt er immer wieder, I’m not sad, and I’m not mad. It’s alright. Was sich auch auf das etwas arhythmische Klatschen im Publikum beziehen  könnte.

Smalltalk ist Kiwanukas Sache nicht, er sagt gefühlt sechs oder sieben Sätze in fast zwei Stunden. Als ein Fan in einer Atempause „Michael, I love you“ schreit, lächelt er und erwidert höflich „And I love you too.“ Später wirft er beiläufig ein: „You guys are amazing, by the way“. Stimmungsausbrüche finden bei ihm nur musikalisch statt. Für I’ll Never Love, einen todtraurigen Song, entschuldigt Kiwanuka sich, er muss ihn spielen, aber wer könnte gegen so viel Emotion etwas einzuwenden haben? Die Sympathie des Publikums hat er spätestens, als er in Father’s Child eine Textzeile verhaut, sich entschuldigt und das Lied nochmal von vorne beginnt. Wie cool ist das denn? Die psychedelischen Frauenschreie aus dem Off, die man von der Platte kennt, vermisst man ein wenig: Michaels Band ist rein männlich, Background-Sänger(innen) hat er nicht. Und doch schaffen es die sechs Jungs, die Stimmung des Albums nachzuspüren. Die Schreie in Father’s Child kommen von der Gitarre. Wie auf der Platte beginnt das Lied ganz vorsichtig mit dem Piano, am Ende triumphiert ein glasklarer Rhodes-Sound. Home Again und das epische Love & Hate komplettieren Kiwanukas Reigen vertonter Fieberträume. Das Album wird für immer bleiben, dieses Soulfestival von einem Abend aber auch.

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