Blonde, Orange, Endless: Warum Frank Ocean sich auch für sein nächstes Album Zeit lassen sollte

Kunst lässt sich nicht erzwingen, sagte Lauryn Hill, als das Netz sie im Mai dafür hasste, dass sie erst zu spät bei einem Konzert auftauchte und dann auch noch zu kurz spielte. Immerhin hatten die Fans viel Geld bezahlt und Lauryn Hill seit 18 Jahren kein Studioalbum mehr veröffentlicht. Weil auch Frank Ocean uns viel länger warten ließ als angekündigt, sahen viele in ihm schon die neue Lauryn Hill

Anfang August, als seine Website boysdontcry erste ernsthafte Hinweise auf neue Musik gab, aber nichts kam, strudelte sich das Netz in einen Wahnsinn aus Paranoia, Hass, Vorfreude und Depression hinein. Zwanzig Tage lang fiel es schwer, nicht stündlich auf boysdontcry  vorbeizuschauen, um Neues zu erfahren. Er hatte uns an der Angel, seine Sicht der Dinge wurde dringend erwartet. Mit seinem Visual Album Endless und seinem zweiten (echten) Studioalbum Blond(e) hat Frank Ocean jetzt so viel auf einmal veröffentlicht, dass manche schon eine fünfzehnjährige Pause befürchten.

„Work hard in silence, let your success be your noise“

Trotzdem liegt der Fall bei ihm anders als bei Lauryn Hill. Klar lässt er sich ganz schön feiern, und den Exklusiv-Deal für Endless und Blonde konnte sich Apple vor allem sichern, weil auch ein Frank Ocean Allüren hat. Doch Channel Orange ist vor gerade mal vier Jahren erschienen, und Frank ist halt nicht Rihanna oder The Weeknd, die den Markt mit ihrem Output geradezu überschwemmen. Nach allem, was man hört, ist er ein Perfektionist, der seine Alben wie im Fieberwahn bearbeitet, 16 Stunden am Tag, alles Überflüssige aus Tausenden Songideen herausschnitzt, bis nur noch das Gold übrig bleibt, wie ein Besessener an den winzigsten Details feilt. “Work hard in silence, let your success be your noise”, sagt er. Es ist weder zu überhören noch zu übersehen, dass er sich eher als eine Art Kunstwerk aus Sänger, Songwriter, Rapper, Sozialkritiker, Filmkritiker, Model, Autor und Künstler versteht denn als R&B-Sänger, wie man ihn auch nennen könnte. Und ein echter Künstler gibt nichts Unfertiges heraus, Punkt. Abgesehen davon: Schuldet uns Frank Ocean was? Und wenn ja, was? Müll oder Mühe?

Was sollte das mit Endless?

Mit dem stilisierten Schulterblick Endless, einer teils absurden Meditation übers Musikaufnehmen, hat er dazu an einem Freitagmorgen Mitte August ein klares Statement abgegeben: Es ist Handwerk, ein Album aufzunehmen, es ist Handwerk, zu schreiben, es ist Handwerk, kreativ zu sein. Kunst braucht Zeit, um zu entstehen. Ein Künstler kann nicht der ersten Idee oder dem ersten Impuls nachgeben, sondern muss forschen, ausprobieren, verwerfen, verfeinern, polieren, bis etwas entsteht, was man so eben noch nicht gehört oder gesehen hat. Und am nächsten Tag löscht er vielleicht sogar wieder das Tape. Alles ist weg, es muss von vorne losgehen, aber erst wenn der Schmerz verdaut ist. Capisce? Vielleicht erklärt er uns das irgendwann genauer.

Endless, das 45-minütige Musikvideo, das ihn als in Designerpullis gewandeten Schreiner in einer weiß gestrichenen Lagerhalle zeigt, klingt jedenfalls spannend, abgedreht, zusammengedrechselt, detailverliebt und manchmal sogar bezaubernd (siehe At Your Best You Are Love, ein Cover des Isley-Brothers-Songs von 1976 und ein Nachfolger von Aaliyahs Coverversion von 1994. Frank Ocean hatte es schon letzten Sommer auf seinem tumblr veröffentlicht). Bleibt noch die Frage, ob er mit dem Video selbst auf die Readymades von Marcel Duchamp anspielt.

Blonde — eine fragmentierte Ideenexplosion

Ähnlich eigensinnig ist Blond(e), das „echte Album“. Frank sagt, dass er Schubladendenken hasst — ob mit Blick auf Musikrichtungen oder seine eigene sexuelle Orientierung. Es ist also konsequent, dass er Superlative wie „das größte R&B-Album des Jahres“ mit diesem Album definitiv nicht anstrebt. Schon Channel Orange klang trotz der Stevie-Wonder- oder Prince-Vergleiche, Mary J. Blige- oder Elton-John-Anspielungen wie nichts, was man schon kannte. Was blieb ihm anderes übrig, als die Erwartungen seiner Zuhörer mit Blonde ein weiteres Mal zu „enttäuschen“ — ob positiv oder negativ? Das ist immerhin sein Markenzeichen!

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Und Tatsache: Auf Blond(e) lässt sich nichts vorhersehen. Das Traditionellste ist vielleicht noch, dass in Ivy, einem Indie-Liebestraum mit Psycho-Ende, der Refrain dreimal kommt (I thought that I was dreaming / When you said you loved me — geht fix ins Ohr und saugt sich dort fest). Ansonsten ist Blond(e) eine fragmentierte Stunde Musik aus unzähligen Ideen, Schnipseln, Samples, Wendungen, Melodien, Anspielungen, Stilen. Sieht man von André 3000 (Solo Reprise, eher nervig) und Kim Burrell (Godspeed) ab, versteckt Frank seine Gäste, sie verschmelzen mit der Musik. Beyoncé hört man erst beim zweiten Mal im Hintergrund der Pharrell-Williams-Produktion Pink + White heraus.

Auch Frank Ocean selbst taucht immer wieder ab – und sei es, um sich anzuhören, was Sebastian Akchoté-Bozovic über Facebook und seine Ex zu sagen hat (Facebook Story) oder wie ihn seine Mama über den AB vor Drogen und Alkohol warnt (Be Yourself) — wobei er ihre Ratschläge anschließend im mehrdeutig betitelten Solo (So low) in den Wind schlägt. Auf Seigfried mit seinen komplexen Harmonien klingt Frank Ocean wie eine Erscheinung, das Lied wie die alternate version zu Stevie Wonders 1973er Visions. „I’m not brave“, behauptet er, dazu kommen seine heiß geliebten Echos („Brave!“). In einem Interlude zieht er schnell den Burt-Bacharach-Heuler (They Long To Be) Close To You durch den Vocoder. Nikes, der Anfang des Albums, Frank lässt selbst hier erst nach drei Minuten von sich hören, ist ein luxuriöses Stück Konsumkritik, mit einem ebenso luxuriösen Video, abwegig und genial getextet. Randnotiz: Frank Ocean kann Kajal gut tragen.

Widersprüchliche Wahrheiten

Auf Blond(e) geht es um Drogen, Sex, Liebe, Konsum, Sommer, vordergründig auch um Autos also die Themen, die man von einem R&B-Künstler (im weiteren Sinne) erwartet. Aber im Gegensatz zu vielen anderen zelebriert Frank diese Themen nicht platt. Sie sind Mittel zum Zweck — genau wie die musikalischen Stilmittel, die zusammengenommen wie ein Kompendium klingen, auch wenn Rhodes, Synthesizer und Gitarre im Vordergrund stehen. Er präsentiert widersprüchliche Wahrheiten und Versionen (I’ve got twoooo versions), hat fiesen Spaß an immer neuen Rollen, lässt nie das Offensichtliche stehen, hat keine Angst davor zu nerven (Pretty Sweet).

Für die Lyrics muss man sich Zeit nehmen, Vieles erschließt sich nicht auf Anhieb. Frank lässt uns nicht zur Ruhe kommen, fordert uns heraus, ständig passiert was Neues, die Songs klingen wie Skizzen, mitsingen kann man auf Anhieb selten. Die beim ersten und zweiten Hören unaufdringlichen oder unzugänglichen Melodien, das ist das Seltsame, bleiben dauerhaft hängen, und seine Stimme klingt oft fast genauso gut wie auf Channel Orange (Skyline To, Self Control). Ein fast perfektes Album.

Bitte lass Dir auch mit dem nächsten Album Zeit, Frank. Es ist zwar hart, auf gute Musik zu warten. Aber es ist noch härter, auf gute Musik zu warten und dann nur billige Meterware zu bekommen. Kunst lässt sich nicht erzwingen.

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