Der 5-Stunden-Tag ist nicht die Lösung — aber ein guter Denkanstoß

Der Fünf-Stunden-Arbeitstag — ist das die Zukunft oder eine Illusion? Stephan Aarstol, CEO von Tower Paddle Boards, hat ihn eingeführt, und die Ergebnisse können sich sehen lassen: Schon im folgenden Jahr stieg der Umsatz um 40 Prozent, seine Mitarbeiter verdienen pro Stunde fast doppelt so viel wie vorher, obwohl sie Tag für Tag nur noch von 8 bis 13 Uhr arbeiten. Was lernen wir daraus?

Fünf Stunden Arbeit pro Tag, das klingt nach Utopie. Wir alle haben uns an den Acht-Stunden-Tag gewöhnt. Viele arbeiten sogar zwölf, 14 oder 16 Stunden. Aus meiner Sicht wäre auch nichts gegen 20 Stunden einzuwenden. Aber was leisten wir in dieser Zeit?

Stephan Aarstol erklärt in seinem Artikel, wie der Fünf-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich möglich war: Seine Mitarbeiter müssen das, wofür sie vorher acht Stunden gebraucht haben, jetzt eben in 63 Prozent der Zeit schaffen, also fast doppelt so produktiv werden. Wer das nicht geschafft hätte, wäre geflogen, gibt Aarstol zu.

Klospülungen, CC und produktive Meetings

Zu Recht. Es gibt sicher rühmliche Ausnahmen, doch ein „Wissensarbeiter“ sitzt in der Regel bis zu 30 Prozent des Arbeitstages vor seinen Mails. Konversationen werden durch endlose CC-Zeilen aufs Zigfache aufgeblasen, 50 Prozent der Nachrichten sind „FYI“ oder „cover-your-ass“, minütlich bimmeln Outlook-Alerts durchs Büro. Selbst unterwegs und am Wochenende hängen wir an unseren Smartphones und scrollen wie Junkies nach neuer Post. Trotzdem werden viele der zig Milliarden Mails pro Tag ungelesen in den Papierkorb gehämmert. Kein Wunder, welcher normale Mensch soll das alles lesen?

Wenn es nur die Mails wären. Manche Arbeitnehmer sind den ganzen Tag in „Calls“ oder „Telkos“ mit wichtigen Menschen aus aller Welt. Die Parodie „A conference call in real life“ illustriert den alltäglichen Wahnsinn dieser Calls. Allerdings zeigt das Video nur die absoluten Basics. Manchmal hört man auch schreiende Kinder, Klospülungen, DB-Durchsagen oder Kollegen, die mit bebender Stimme von der bezaubernden Aussicht auf den Strand schwärmen. Nach fünfzehn Minuten Einwahlprozedere und Vorgeplänkel könnte es endlich losgehen, doch dann verabschiedet sich der erste schon mit einem Satz wie „Muss mich mal ausklinken, hab gleich den nächsten Call“. Weitere 30 Minuten später sind die Beteiligten verwirrter als je zuvor. Ja, und dann kommt schon der nächste Call.

Manche Meetings laufen nicht besser ab. Es gibt keine Agenda, jeder wurde eingeladen, nicht einmal der Organisator weiß, worin das Ziel des Treffens besteht. Alle sind genervt. Dann gehen die Politikspielchen los, und am Schluss lügen alle freundlich: „Das war ein echt produktives Meeting“, gehen ihrer Wege, schwören sich „Nie wieder“. Kein Wunder, es ging eigentlich auch nur darum, die Rangordnung neu auszuhandeln.

Wir müssen das Fett aus den Arbeitstagen herausschneiden

Respekt für jeden, der neben diesem Wahnsinn noch seine eigentliche Arbeit erledigt. GUT erledigt. Die wirklich Guten, könnte man jetzt einwenden, schaffen das locker. Dafür gibt es auch Beispiele. Und für die engagierten nicht so Guten heißen die Zauberworte Multitasking, Zeitmanagement, To-do-Listen. Es wurde genug darüber geschrieben, warum Multitasking einem womöglich das Gefühl gibt, unfassbar produktiv zu sein, in der Regel aber zu mittelmäßigen Ergebnissen führt. Sprich: Man hat vielleicht viel weggeschafft, aber überragend ist das alles nicht. Und doch halten wir fest an Mails, Meetings und Calls — denn sie lassen uns beschäftigt wirken, selbst wenn wir den ganzen Tag über nichts Produktives zustande bringen. Mails sind wertvoller als Gedanken, und es gibt kaum einen besseren Tätigkeitsnachweis als Meetings und Calls: Alle wissen ja, dass man da war und was man alles Schlaues gesagt hat.

Mails, Meetings und Calls sind nützliche Instrumente, um unsere Arbeit zu organisieren. Aber nicht so, wie sie heute meist eingesetzt werden. Wer keine Grenzen setzt, für den sind Mails und Meetings Feinde produktiver Arbeit, wie ein Google-Mitarbeiter es ausdrückt. Ich behaupte: 80 Prozent der Calls sind überflüssig, 80 Prozent der Mailempfänger sollten nicht auf CC stehen, 80 Prozent der Meeting-Teilnehmer lieber wegbleiben. Das Ergebnis wäre oft besser.

Disruptet den Call!

Ausnahme: Für Projektmanager, Account Manager oder Führungskräfte ist Kommunikation der wichtigste Teil der Arbeit. Sie müssen Zeitpläne entwickeln und anpassen, Teams organisieren, Kunden zufrieden stellen. Das sind die Mitarbeiter, die Mails schreiben und Meetings halten sollten. Alle anderen: Disruptet den Call, macht das Postfach zu und geht an Eure Arbeit!

Nicht jeder sollte alles tun. Schöpferisch veranlagte Menschen sollten keine Zeitpläne aufstellen und auch nicht ihren Schreibtisch aufräumen. Geborene Organisatoren sollten nicht zum Brainstorming gezwungen werden. Und Socializer sollten nicht stundenlang über Texten oder Excel-Tabellen brüten. Doch viele Menschen wissen überhaupt nicht, was sie am besten können. Sie tun einfach das, was von ihnen verlangt wird. Dadurch verschenken wir eine Menge Potenzial. Wir brauchen Führungskräfte, die ihre Mitarbeiter verstehen, sie dort einsetzen, wo sie am produktivsten sind, ihnen dabei helfen, ihre Stärken zu entwickeln.

„All work and no play makes Jack a dull boy“

Der Fünf-Stunden-Tag ist für mich kein Wert an sich. Ich bin auch weit davon entfernt, kürzere Arbeitszeiten für alle zu fordern. Aber Aarstols Projekt ist ein guter Denkanstoß: Wir sollten alle darüber nachdenken, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.

Wir sollten darüber nachdenken, wie viel Zeit wir mit Tools wie Mails, Meetings, Calls oder Social Media verschwenden wollen. Ab welchem Punkt Nachteile wie eine schrumpfende Aufmerksamkeitsspanne, schlechte Arbeitsqualität oder Burnout-Symptome die unbestrittenen Vorteile überwiegen. Wie viel Zeit wir uns selber einräumen wollen, um mal ohne Ablenkung für mehr als fünf Minuten lang nachzudenken, zusammen mit anderen verrückte Ideen zu entwickeln oder spielen zu gehen. Ob wir nicht deutlich selbstbestimmter über unsere Arbeitszeit entscheiden sollten. Wer welche Aufgaben am besten erledigen kann. Und wie wir das alles organisiert kriegen.

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