Minderheit gegen Minderheit oder: Die Geschichte meiner Familie

„Damals waren es die Juden.
Heute sind es dort die Schwarzen, hier die Studenten.
Morgen werden es vielleicht die Weißen, die Christen oder die Beamten sein.“
(Hans Peter Richter, 1961)

Meine deutschen Großeltern hatten es nicht leicht zu heiraten. Er war katholisch, sie evangelisch. Vor siebzig Jahren war das ein echtes Problem, seine Familie kam damit nicht zurecht.

Mein Vater kam aus Ghana, meine Mutter stammt aus Weiden. Sie ist weiß, er war schwarz. Vor gut dreißig Jahren war das noch ein großes Problem. Als mein deutscher Großvater von ihrer Beziehung erfuhr, sprach er kein Sterbenswort mehr mit meiner Mutter — bis zu seinem Tod. Seinen Enkel hat er nie gesehen.

Ich selbst habe mich mit 18 Jahren geoutet. Das war auch im Deutschland des Jahres 2003 noch nicht ohne. Meine Mutter nahm mich in den Arm und sagte: „Ich habe aus der Geschichte meiner Eltern gelernt. Du bist mein Sohn, egal, was passiert. Und die Hauptsache ist, dass Du glücklich bist.“

Es ist nicht leicht, einer Minderheit anzugehören. Auch nicht in Deutschland, wo im Vergleich zu den meisten anderen Staaten der Erde paradiesische Verhältnisse herrschen: Die Mehrheit der Deutschen ist für die „Ehe für alle“, weit über 90 Prozent hätten nichts dagegen, wenn Jérôme Boateng ihr Nachbar wäre. Ich halte mich für gut integriert, und doch fühle ich mich an vielen Stellen fremd oder unverstanden — zum Beispiel, wenn ich anders als meine rein deutschstämmigen Kollegen auf Englisch angesprochen werde. Oder wenn mir jemand mitten in Frankfurt „Alle weg hier!“ ins Gesicht brüllt und damit alle meint, die nicht aussehen wie Deutsche.

Nein, es ist nicht leicht, einer Minderheit anzugehören. Und wer heute als Mann mit einem anderen Mann Hand in Hand läuft, oder als Frau mit einer anderen Frau, muss immer noch ein dickes Fell haben. In vielen afrikanischen und asiatischen Staaten wird Homosexualität empfindlich bestraft, teilweise mit der Todesstrafe. Homophobie ist vor allem in vielen Ausprägungen des Islam extrem verbreitet.

Es ist richtig und wichtig, dass die LGBT-Community die Fortschritte verteidigt, die sie in den vergangenen Jahrzehnten erkämpft hat. Und es ist dringend notwendig, dass wir in Deutschland die Errungenschaften unserer liberalen Demokratie hoch halten — gerade dann, wenn sehr viele Menschen aus Kulturkreisen ins Land kommen, die offenbar andere Werte vertreten.

Es ist allerdings nicht richtig, dass Teile der LGBT-Community neuerdings mit islamophoben Kommentaren auffallen, den Populisten der AfD das Wort reden und eine offensichtliche Hetzjagd gegen eine andere Minderheit betreiben. Dass sie Stimmung machen gegen Muslime und sie unter einen unhaltbaren Generalverdacht stellen.

Es ist nicht leicht, einer Minderheit anzugehören. Doch der richtige Weg, damit umzugehen, besteht darin, für die eigenen Werte zu kämpfen. Das eigene Geltungsbedürfnis, den eigenen Frust, die eigene Angst durch die öffentliche Hatz auf andere Minderheiten zu kompensieren, ist feige und verachtenswert.

An die LGBT-Community in Berlin kann ich für den kommenden Sonntag insofern nur einen Aufruf richten: Wählt nicht die Rechtspopulisten!

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